Ein Global Generation-Workshop in Ungarn
Ein Restaurant inmitten der ungarischen Prärie. Links und rechts erstrecken sich Felder ins Unendliche. Nebenan wartet ein Betonklotz – ein neu hochgezogenes Hotel mit Therme – auf seine Gäste. Im Restaurant hängen Ölgemälde mit Elefanten, die Tische sind im kitschigsten Ethnolook dekoriert. „Hier soll der Workshop stattfinden?", flüstert Denver Naidoo etwas hilflos. Der Raum ist dunkel, viel zu klein, von Flipcharts oder Beamer ist nichts zu sehen. Doch für Verzweiflung bleibt keine Zeit, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer treffen ein: 20 Roma-Frauen quetschen sich schon über Stunden in einen Kleinbus. Auch fünf Nicht-Roma – oder soll man sagen Ungarn – treffen ein. Der düstere Raum wird bunt. Tische werden zur Seite geschoben, er belebt sich, wird ergriffen.
Schon eine Viertelstunde vor Beginn sitzen alle und warten gespannt darauf, was Denver ihnen erzählen will aus Südafrika. Wie einem Krimi lauschen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Geschichte der Apartheid. Mit Freude wird ihrer Überwindung beigewohnt und atemlos den Konflikten und den Schwierigkeiten der traumatisierten Menschen des jungen Südafrikas nachgefühlt. Die Romafrauen selbst gestalten den Workshop durch Lieder, Spiele und Massagen. Die große Empathie und Solidarität, die die Roma für die Schwarzen Südafrikas zeigen, kommt nicht von ungefähr: Sie selbst bezeichnen sich als „Schwarze", und so scheint es nur natürlich, dass sie Denver adoptieren und ihn "unseren Sohn" nennen. Ihre Lebensbedingungen sind denen der Menschen rund um Johannesburg nicht unähnlich. Rassismus und Ausgrenzung erfahren die Frauen tagtäglich seit ihrer Geburt. Die Lebenssituation der Roma in Ungarn während des Sozialismus wurde als besser empfunden: Sie hatten Arbeit. Die Männer waren beschäftigt in einem der Bergwerke, man hatte eine Wohnung und genügend Lebensunterhalt.
Nach der Wende aber will niemand mehr einen Rom einstellen. Zeitweise können sich einige der Männer als Wanderarbeiter verdingen, oft wird der Lohn vorenthalten. Die Männer verlieren ihre Würde, sie können die Familien nicht mehr ernähren, viele trinken zu viel. Die Schulen in den „Romadistrikten" sind schlecht ausgestattet, es fehlt an Lehrenden, pädagogischen Kräften und Material. Kaum ein Roma besucht eine Schule länger als bis zum vierzehnten Lebensjahr. In Zeitungen wird diskutiert, ob man nicht Mauern um die Romadörfer bauen solle. Die Kinder werden nachts wach, weil grölende Jungmänner durch die Dörfer ziehen mit der Drohung, alle zu ermorden. Es bleibt nicht nur bei einer Drohung: sechs Roma, darunter zwei Kinder, wurden seit 2008 in Ungarn erschossen.
In Ungarn leben ca. 800.000 Roma. Die rechtsextreme Partei Jobbik erhielt mit romafeindlichen und antisemitischen Slogans 16,7 % der Stimmen bei den letzten Wahlen. Auch die konservative designierte Partei Fidesz schürt Ressentiments.
Die Frauen bewundern, was die Menschen in Südafrika geschafft haben. Was diese in jahrzehntelangem Kampf eingefordert haben – müssten die Roma, die „Schwarzen Ungarns", das nicht auch schaffen? „Das waren die besten Tage meines Lebens", verabschieden sich die Frauen nach den drei Tages des Workshops. Sie haben gezeigt, dass es sich lohnt, zusammenzuhalten. Sich zu organisieren, Forderungen zu stellen, politisch aktiv zu sein. Und wie bei den Zulu sind es auch bei den Roma in Ungarn die Frauen, die solche Veränderungsprozesse anstoßen können.
Nach dem Workshop umringen mich einige Nicht-Roma: „Kann sich der Weltfriedensdienst nicht den Ungarn annehmen? Wir schaffen das nicht mehr alleine, es wächst uns über den Kopf" - das Problem mit den Roma. „Könntet ihr uns nicht Experten aus Südafrika vermitteln? Sie haben mehr Erfahrung und bessere Konzepte als wir." Große Aufgaben warten auf den Weltfriedensdienst...
Wera Tritschler

